Wieder sehen
Jahrtausende lang hatte die Menschheit die Blindheit verklärt. Mit der Aufklärung war das vorbei. Die Philosophie experimentierte mit der Blindheit, die Literatur spielte sogar mit ihr. Der Mythos aber wurde damit nur verfestigt und liefert noch immer Stoff für ganze Romane. Von Dr. phil. Michael Ahlsdorf.
Auch die Wissenschaft kommt nicht ohne den Mythos aus. Sie entwickelt eine verräterische Freude daran, ihn zu entkleiden. Sie könnte ihn ja auch ignorieren, aber sie hält an ihm fest und errichtet gegen ihn Gedankengebäude von eigener mythischer Größe. Jahrtausende alte Mythen ranken um die Blindheit. Erzählt haben wir vom blinden Homer, vom blinden Seher Teiresias und von der erblindeten schönen Seele der deutschen Klassik (DER AUGENSPIEGEL Januar 2026). In den Gestalten dieser Epiker, Propheten und Heiligen wurde die Blindheit verklärt. Mit der philosophischen Aufklärung und mit der modernen Wissenschaft änderte sich die Haltung zu diesem körperlichen Defizit. Der Mythos aber verfestigte sich, die Faszination des Blindseins blieb.

