Gesundheitsversorgung zwischen Tradition und Moderne in Europa

Auf den weit verstreuten griechischen Inseln am südöstlichen Rand der Europäischen Union ist es im Vergleich zu Deutschland schwieriger, eine lückenlose Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Dies gilt insbesondere für den fachärztlichen Bereich. Dr. G. Niepel und Dr. N. Oyoun-Niepel konnten in den Jahren 2008 und 2009 auf der Insel Karpathos einige Eindrücke und Erfahrungen zur allgemeinmedizinischen und augenärztlichen Versorgung sammeln und fassen diese nachfolgend zusammen.

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Abb.: Zum Dorf Mesochori auf Karpathos führt nur eine Straße, die am Ortseingang endet.

Größere und bevölkerungsreichere Inseln, wie Kreta oder Rhodos, haben selbstverständlich Krankenhäuser und niedergelassene Praxen aller Fachrichtungen. Bei den vielen sehr kleinen oder dünn besiedelten Inseln in der Ägäis hingegen stellt sich die Frage, wie Griechenland eine ausreichende ärztliche Versorgung organisiert. Karpathos, eine 48 km lange, bis zu 12 km breite, mit etwa 22 Einwohnern pro qkm (Deutschland: 245 Einwohner pro qkm) dünn besiedelte, abgelegene und touristisch wenig erschlossene Insel zwischen Kreta und Kleinasien, schien uns der geeignete Ort zu sein, dieser Frage nachzugehen.

Karpathos hat eine für Europa außergewöhnlich gering ausgeprägte Infrastruktur. Während schon die Inselhauptstadt Pigadia dörflichen Charakter hat und im Wesentlichen aus etwa drei bis fünf Häuserreihen besteht, die sich um einen unbedeutenden Hafen gruppieren, liegen die wenigen anderen Dörfer weit verstreut und durch hohe Bergkämme getrennt auf der langen, schmalen Insel. Nord- und Südhälfte sind bisher noch nicht durch eine asphaltierte Straße verbunden. Der weitgehend von der Zivilisation abgeschnittenen Norden, wo angeblich einzelne Ansiedlungen sogar ohne öffentliches Stromnetz auskommen müssen, ist nur auf dem Seeweg oder mit dem Jeep über eine serpentinenreiche Schotterpiste durch das Gebirge erreichbar. In der Südhälfte hingegen findet man bei Pigadia einen Flughafen, welcher der Bevölkerung eine schnelle Anbindung an Rhodos, Kreta oder Athen ermöglicht. Für die etwa 6.000 Bewohner der Insel ist es selbstverständlich, für alle Einkäufe des täglichen Bedarfs nach Pigadia fahren zu müssen. Speziellere Besorgungen kann man nur in Rhodos erledigen. Die Flugverbindungen und die Fähren werden von den Bewohnern der Insel stark frequentiert, ist man doch in vielen wichtigen Angelegenheiten davon abhängig.

Medizinische Versorgung

Angesichts dieser Situation ist nachvollziehbar, dass auf dieser Insel vor Ort keine lückenlose medizinische Versorgung angeboten wird. Die Inselhauptstadt Pigadia kann immerhin ein Gesundheitszentrum und mehrere Einzelpraxen vorweisen. Neben einem Allgemeinmediziner praktizieren hier unter anderem auch mehrere Zahnärzte und ein Chirurg. Abseits der Hauptstadt ist die Versorgung hingegen dürftiger. In der Nordhälfte praktiziert ein Allgemeinmediziner, ein weiterer ist für alle Dörfer der Südhälfte (außer Pigadia) zuständig.
Um die Bevölkerung vor Ort versorgen zu können, halten diese Ärzte Sprechstunden zu festgelegten Zeiten abwechselnd in den größeren Dörfern ab. Zu den anderen Zeiten besteht telefonische Rufbereitschaft. Wie man sich leicht vorstellen kann, erfreut sich dieser Dienst weit weg von jeder größeren Stadt auf einer einsamen Insel keiner großen Beliebtheit unter den Ärzten, so dass sich für diese Stellen kaum Bewerber finden lassen. Die Regierung verpflichtet daher junge Ärzte, nach der Approbation für ein Jahr auf einer Insel zu arbeiten. Die Gesundheitsversorgung im Bereich Allgemeinmedizin wird auf diese Weise sichergestellt. Der junge Arzt auf dem Dorf zieht in schwierigen Fällen seinen älteren Kollegen aus der Inselhauptstadt konsiliarisch hinzu. Größere Operationen oder Intensivmedizin sind zwar vor Ort nicht möglich, aber für den Transport in das nächste größere Krankenhaus auf der Nachbarinsel Rhodos oder in Athen kann ein Hubschrauber angefordert werden.
Spricht man mit den Bewohnern über die Situation der örtlichen Gesundheitsversorgung, wird neben einer gewissen Zufriedenheit mit dem traditionellen Leben auf der Insel auch Unmut laut. So fasst man von Seiten der Bevölkerung nicht leicht Vertrauen zu dem in den Augen der Bewohner unerfahrenen jungen Arzt, der darüber hinaus noch allzu häufig wechselt. Jeder kann eine Geschichte erzählen von einem kürzlich an einem Herzinfarkt verstorbenen Inselbewohner, dessen Tod dem Arzt und der allgemeinen Situation der Gesundheitsversorgung angelastet wird. Die hohen Kosten und die Umstände für Flüge nach Rhodos und Athen wegen der Konsultation eines Spezialisten, einer Operation oder eines Krankenhausaufenthalts werden jedoch als selbstverständlich hingenommen, denn dieser Zwang zur Mobilität betrifft sehr viele Griechen.

Augenärztliche Versorgung

Auch wenn man kurzfristig einen Augenarzt aufsuchen will, muss man mobil sein und nach Rhodos fahren. Mit der Fähre dauert dies immerhin 5,5 Stunden! Alternativ nutzt man die einmal pro Monat stattfindende Sprechstunde in der Inselhauptstadt. Die Augenärztin aus Rhodos kommt dafür in das Optiker-Geschäft von Pigadia. Man muss nicht befürchten, dass diese Zusammenarbeit von Augenarzt und Optiker eine Bevorzugung eines bestimmten Optikers bedeutet und die Wettbewerbssituation verzerren könnte, denn es gibt auf der Insel nur dieses eine Optikergeschäft. Hier scheint die verwendete Bezeichnung „Optical Center“ ausnahmsweise einmal berechtigt zu sein. Die dort vorhandene Ausstattung ist sicherlich für die konservative ambulante augenheilkundliche Versorgung der Bevölkerung ausreichend. Die operative Ophthalmologie kann wiederum nur in Rhodos oder Athen durchgeführt werden.

Mehr dazu im AUGENSPIEGEL 02-2010.

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