Forschende fordern ein neues Verständnis der Genetik
In einem Perspektivenartikel, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Genetics“, fordert eine internationale Autorengruppe führender Genetiker und Evolutionsbiologen ein grundlegendes Umdenken: Weg von der Suche nach einzelnen, klar abgegrenzten Genwirkungen, hin zu experimentellen Ansätzen, die genetische Komplexität nicht als Störfaktor behandeln, sondern als Ausgangspunkt.
Die zentrale These: Die Mehrzahl biologischer Merkmale – von Körperformen über physiologische Funktionen bis hin zu Krankheitsrisiken – entsteht aus dem Zusammenspiel sehr vieler Gene. Die Effekte einzelner Varianten sind dabei meist klein, häufig kontextabhängig und werden stark durch Umweltbedingungen sowie den genetischen Hintergrund eines Individuums beeinflusst. Übereinstimmende Befunde aus quantitativer Genetik, Evolutionsbiologie und Züchtungsforschung sprechen, so die Autorinnen und Autoren, eine klare Sprache: Einfache Ein-Gen-Modelle reichen nicht aus, um den gesamten Phänotyp und die Variation zwischen Individuen zu erklären. „Die klassische Genetik hat enorme Erfolge erzielt, wenn es darum ging, einzelne Gene mit klaren Funktionen zu identifizieren“, sagt Diethard Tautz, einer der Autoren des Artikels. „Doch mit dem bisherigen Herangehen ist es nicht gelungen, den Phänotyp, also die Eigenschaften von Individuen als Ganzes im Kontext ihrer Umwelt, zu erklären.“
Besonders deutlich wird das inzwischen auch in der medizinischen Forschung. Viele weit verbreitete Krankheiten werden durch eine sehr große Zahl genetischer Varianten beeinflusst. Jede einzelne Variante trägt nur minimal zum Risiko bei, in Kombination und im Zusammenwirken mit Umweltbedingungen können diese Effekte jedoch erheblich sein. Vor diesem Hintergrund plädiert die Autorengruppe für eine systematische Weiterentwicklung der experimentellen Genetik. Originalpublikation abrufbar unter: https://doi.org/10.1093/genetics/iyag024
Quelle: Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie


