Die Macht des Blickes

Blitzen, Fixieren, Durchdringen. Im gesellschaftlichen Leben ist das Auge kein passives Organ. Schon immer sprechen wir den Blicken eine austeilende Macht zu. Denn ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Von Dr. phil. Michael Ahlsdorf.

Kaiser Wilhelm konnte blitzen. In einem Brief vom 24. August 1884 verriet er seiner Mutter das Rezept, nach dem er diplomatische Konflikte lösen würde: „Man muss die Leute erst durch seinen niederblitzendenden Blick so weit bringen, dass sie zittern und einen als den Herrn anerkennen.“ Es blieb nicht bei dieser einzelnen Anekdote. Wilhelm glaubte ein Leben lang an die Macht der blitzenden Blicke, wovon seine nach dem Ersten Weltkrieg verfassten Erinnerungen zeugen (Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten, S.38).

Kaiser Wilhelm II. war vielleicht der Trump der Jahrhundertwende, beherrscht von den Phantasien eines komplexbeladenen Mannes, geschlagen durch einen verkrüppelten Arm und überhaupt eine schwere Kindheit. In moderner Sprache war er schwer traumatisiert. Seine Defizite müssten wir ihm verzeihen, wenn sie sich nicht in der Politik niedergeschlagen und in einem ersten Weltkrieg entladen hätten.

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