Zwei Drittel der Akanthamöben-Infektionen falsch diagnostiziert

Schätzungsweise 200 Kontaktlinsenträger erleiden in Deutschland jedes Jahr eine gefährliche Hornhautentzündung, Keratitis genannt, die durch Akanthamöben verursacht wird. Besonders gefährdet sind Kontaktlinsenträger, die ihre Sehhilfen nicht ausreichend reinigen oder dafür Leitungswasser benutzen. In zwei Drittel der Fälle verkennen Augenärzte die Ursache für die Akanthamöben-Infektion, die schwer zu diagnostizieren ist und bis zur Erblindung führen kann. Bei einer unklaren Keratitis sollten sich behandelnde Ärzte daher rechtzeitig an eine kompetente universitäre Einrichtung wenden, rät die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) im Vorfeld ihrer 111. Jahrestagung, die vom 19. bis 22. September 2013 in Berlin stattfindet.

In Deutschland tragen 3,4 Millionen Menschen Kontaktlinsen. Sie sind besonders anfällig für Hornhautentzündungen, die meist von Bakterien, Viren oder Pilzen verursacht werden. Schätzungsweise 4000 Kontaktlinsenträger erleiden jedes Jahr eine solche Keratitis. In etwa fünf Prozent der Fälle handelt es sich um eine Akanthamöben-Infektion. Die Einzeller kommen in der Erde, im Leitungswasser und in Klimaanlagen vor und können in die Hornhaut des Auges eindringen, sich dort einnisten und gefährliche Entzündungen hervorrufen. „Neunzig Prozent der Infizierten sind Kontaktlinsenträger“, erklärt Professor Dr. med. Berthold Seitz, Präsident der DOG. Experten gehen daher von bis zu 200 Akanthamöbenkeratitiden pro Jahr bei Kontaktlinsenträgern in Deutschland aus.

Das Krankheitsbild bereitet Ärzten oft Schwierigkeiten. „Selbst für Experten ist die Akanthamöbenkeratitis schwer zu diagnostizieren“, erklärt Berthold Seitz. Der Direktor der Universitätsaugenklinik Homburg/Saar hat als Sprecher der Sektion DOG-Kornea im Jahr 2011 das Deutsche Akanthamöbenkeratitis-Register initiiert, das bundesweit Fälle sammelt. Bisher sind 130 Patienten gemeldet worden. „Bei zwei Dritteln wurde zunächst eine falsche Diagnose gestellt“, berichtet Seitz. „Meist liegt eine Verwechslung mit einer Herpesvirus-Infektion vor.“ Für den sicheren Nachweis einer Akanthamöbenkeratitis muss eine Gewebeprobe ins Speziallabor geschickt werden.

Bis zur korrekten Diagnosestellung vergehen häufig Wochen oder Monate. Das Problem: Je länger die Krankheit unbehandelt fortschreitet, desto gefährlicher ist sie für den Patienten – bereits nach drei Wochen drohen bleibende Sehbeeinträchtigungen, später sogar die Erblindung. „Wir raten Augenärzten daher, sich bei unklaren Hornhautentzündungen an eine kompetente universitäre Einrichtung zu wenden“, so Seitz. Dies könne der Fall sein etwa bei einer sich sehr langsam entwickelnden Hornhautentzündung, die nicht auf eine antibakterielle oder antivirale Therapie anspricht. Typisch sind Schmerzen, die aber oft erst nach vier bis fünf Wochen einsetzen, wenn die Nerven mitbetroffen sind.

Ist die Ursache erkannt, hilft häufig eine Kombinations-Therapie mit drei Medikamenten. Allerdings kann die Behandlung selbst bei frühzeitiger Diagnose bis zu einem Jahr dauern. „Als wirkungsvoll hat sich eine Art Schocktherapie erwiesen, bei der sich die Patienten zunächst Tag und Nacht viertelstündlich Medikamente ins Auge tropfen“, erklärt Seitz. Schlägt die medikamentöse Therapie nicht an, bleibt die Möglichkeit einer Kältetherapie oder einer Hornhauttransplantation.

Häufigste Ursache für eine Akanthamöbenkeratitis sind weiche Kontaktlinsen, die zu lange benutzt werden. Auch das Tragen von Kontaktlinsen beim Baden, mangelhafte Hygiene und das Reinigen mit Leitungswasser erhöhen das Infektionsrisiko. „Kontaktlinsen rechtzeitig austauschen und nur mit empfohlenen Reinigungsmitteln streng nach Gebrauchsanleitung säubern“, rät DOG-Experte Seitz.

Quelle:
Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG)
http://www.dog.org

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