Gestochen scharf sieht der Mensch nur mit einer Stelle der Netzhaut: der Fovea centralis, auch Sehgrube genannt. Doch warum das so ist, darüber konnten Wissenschaftler bislang nur Vermutungen anstellen. Forscher der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig haben nun ein neuartiges mathematisches Modell entwickelt, das die Grundlage zu einem tiefergehenden Verständnis der Struktur und Funktionsweise der Sehgrube legt. Vorgestellt wurde das Modell in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Experimental Eye Research“.
Bisherige mathematische Modelle gehen von der vereinfachten Annahme eines gleichmäßig-symmetrischen Aufbaus der Sehgrube aus. Das neue Leipziger Modell berücksichtigt eine anatomische Besonderheit: Weil zwischen Sehgrube und Sehnerv die Fasern der Nervenzellen zusammenlaufen, ist die Nervenfaserschicht auf der zur Nase gewandten Seite der Sehgrube dicker als im übrigen Bereich. Diese asymmetrische Struktur lässt sich nun erstmals mit nur vier charakteristischen und einfach zu ermittelnden Parametern abbilden. „Rechnen wir diese Daten hoch, können wir die gesamte Oberfläche der Sehgrube in einem sehr präzisen 3D-Modell realisieren“, erläutert Projektleiter Patrick Scheibe. „Das ermöglicht uns, die Sehgrube als Linse nachzubauen und experimentell auf ihre Funktionsweise hin zu untersuchen.“ So lässt sich künftig prüfen, ob einfallendes Licht durch die Grubenform der Sehgrube einen Lupeneffekt erzeugt, der besonders scharfe Bilder hervorbringt. Oder ob die Grubenform – wie bislang vermutet – wirklich nur dazu dient, dass kein störendes Gewebe den Weg des Lichts zu den empfindlichen Photorezeptoren behindert.