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Tagungsberichte

02/2007:

XX. Internationales Treffen der Ophthalmohistoriker (Teil 2)

Jahrestagung der Julius Hirschberg-Gesellschaft in Straßburg
Vom 28. bis 30. September 2006 fand in Straßburg die 20. Jahrestagung der Julius Hirschberg-Gesellschaft, der Vereinigung für Geschichte der Augenheilkunde mit Sitz in Wien, statt. Hochkarätige internationale Referenten bestritten das umfangreiche und vielfältige Programm, aus dem im folgenden exemparisch einige Themen herausgegriffen und zusammengefasst werden. Ein Beitrag von Dr. Sibylle Scholtz.

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Wunderschöne anatomische Zeichnungen durften in Prof. Dr. Gerhard Hollands Vortrag „Über die anatomische Beschreibung beziehungsweise über die Abbildungen des menschlichen Auges von Johann Gottfried Zinn und von Samuel Thomas Soemmering“ bestaunt werden. 1755 erschien von Johann Gottfried Zinn (1727–1759) die „Descriptio anatomica oculi humani iconibus illustrata“ und 1801 von Samuel Thomas Soemmering (1755–1830) die „Abbildungen des menschlichen Auges“. Beide Werke fanden zum Zeitpunkt des Erscheinens höchste Anerkennung und gelten jeweils als beste Arbeit der beiden Autoren. Nach Schilderung des Lebensweges von Zinn und Soemmering wurden diese beiden Bücher besprochen, die Unterschiede diskutiert, insbesondere die Kritik Soemmerings an Zinn. Doch insgesamt gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Zinn und Soemmering: Beide studierten Medizin in Göttingen, beide hatten von Anfang an eine Vorliebe für Anatomie. Zinn war Lieblingsstudent von Albrecht von Haller, der von 1736 bis 1753 Professor für Anatomie, Chirurgie und Botanik in Göttingen war. Soemmering verehrte Albrecht von Haller, dessen Werke er schon als Student aufmerksam las. Heinrich August Wrisberg (1739–1808) kann als Bindeglied zwischen Zinn und Soemmering angesehen werden. Er war Nachfolger von Jokann Georg Roederer als Professor der Geburtshilfe und Anatomie in Göttingen. Während Roederer Zinn, als dieser Professor für Botanik in Göttingen war, maximal behinderte und ihm keine Möglichkeit gab, seine anatomischen Studien fortzusetzen, hat Wrisberg, der unter anderem 1772 eine Arbeit über die Pupillarmembran schrieb, bereits den Studenten Soemmering besonders gefördert und wurde sein Doktorvater. 1780 hat Wrisberg die 2. Auflage von Zinns „Descriptio anatomica oculi humani“ herausgegeben. So können Soemmerings „Abbildungen des menschlichen Auges“ gewissermaßen als Fortsetzung der Arbeit von Zinn, der bereits im Alter von 32 Jahren starb, angesehen werden. Am Ende des Vortrages wird noch einmal auf die Bedeutung von Zinn und Soemmering in der Wissenschaftsgeschichte und speziell in der Augenheilkunde hingewiesen.

Mit dem Vortrag „Dr. Gerd Sommer (1906–1988), Augenarzt in Zittau: Wegbereiter der Keratoprothetik in Deutschland – Zu seinem 100. Geburtstag“ würdigte Priv.-Doz. Dr. Manfred Jähne das Leben und Werk eines der bedeutendsten Augenärzte in Sachsen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dr. Gerd Sommer stammte aus dem ostsächsischen Zittau. Sommer war 54 Jahre Leiter der Privat-Augenklinik Dr. Sommer und über 20 Jahre zusätzlich Chefarzt der Augenabteilung des Kreiskrankenhauses Zittau mit je 40 Betten. Er verhalf rund 30.000 Patienten durch Augenoperationen wieder zum Sehen. Sommer überblickte immer den neuesten Stand der Fachliteratur und der Operationsmethoden. Allen Fortschritten in der Augenheilkunde stand er sehr aufgeschlossen gegenüber. Auch die Wiege der Okulopression stand in Zittau. Dr. Sommer erlangte seine größte Bedeutung in der Hornhautchirurgie. Seine Lieblingsoperation war die perforierende Keratoplastik. In den Jahren 1968 bis zu seinem Tode 1988 hatte sich die Sommersche Augenklinik zum so genannten Keratoprothetik-Zentrum in der ehemaligen DDR entwickelt. Er implantierte über 100 Keratoprothesen nach Cardona und 12 Osteo-Odonto-Keratoprothesen nach Strampelli, die der Zittauer Feinmechanikermeister Siegfried Deutschmann in hoher Präzision herstellte. Noch heute gibt es zahlreiche dankbare, gut sehende von Sommer operierte Keratoprothesen-Träger. Aus der Feder von Sommer stammen 25 Publikationen in ophthalmologischen Fachzeitschriften, darunter befassten sich diejenigen in seinen letzten Jahren mit der Weiterentwicklung der Keratoprothetik. Die von Sommer ausgebildeten Augenärzte erhielten von ihm vor allem das Rüstzeug für einen guten Operateur. Es ist sein Verdienst, dass sich zwei seiner Schüler habilitieren konnten, drei seiner Schüler wurden Chefärzte an Augenkliniken von Schwerpunkt-Krankenhäusern (früher Bezirkskrankenhäuser) und drei Leitende Ärzte an Augenabteilungen von Kreiskrankenhäusern. Unter diesem Aspekt kann man wohl von einer Sommerschen Schule sprechen. Im hohen Alter wurden ihm einige Ehrungen zu teil. Sein Sohn – Dr. Peter Sommer – trat in seine Fußstapfen und wurde ebenfalls Augenarzt.

„Die Erstbeschreibungen des gelben Flecks und die nachfolgenden Hypothesen über die Ätiologie ihrer altersbedingten Degeneration“ war das Vortragsthema von Prof. Dr. Paulus T. V. M. de Jong. Die Erstbeschreibung des gelben Flecks war von Buzzi im Jahre 1782. Soemmering hat 10 Jahre später darüber berichtet. Drusen sind das Merkmal der Altersbedingten Makuladegeneration und der Begriff „Drusen“ stammt aus dem Jahre 1854 von Heinrich Müller. Die Erstbeschreibung der altersbedingte Makuladegeneration kam 1874 von Hutchinson: „Zymmetrische zentrale Erkrankung der Aderhaut und der Netzhaut in senilen Personen“. Die wichtigsten Hypothesen über die Ätiologie der Altersbedingten Makuladegeneration, wie veröffentlicht in ihrer Namensgebung, wurden präsentiert.

Alfred Leber (1881–1954) gilt als der Begründer der Tropenophthalmologie, der das Fach Augenheilkunde als erster mit der Tropenmedizin in Ausbildung und Forschung verknüpfte. Prof. Dr. Guido Kluxen präsentierte den Kongressteilnehmern das spannende Wirken Lebers mit seinem Vortrag „Alfred Leber (1881–1954): Ophthalmologischer Schauplatz Südsee und Indonesien 1910–1940“. Der von Leber während der ersten Südsee-Expedition beschriebene ‚South Pacific Fundus’ bei einer Filarieninfektion durch Wuchereria bancrofti muss heute kritisch diskutiert werden. Der bekannte Maler Emil Nolde begleitete Leber auf seiner zweiten Südsee-Expedition 1913/14. Auf der Heimreise traf Leber den fränkischen Dichter Max Dauthendey. Beide konnten durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges nicht nach Deutschland zurückkehren, sondern mussten im neutralen Niederländisch Indien (Indonesien) bleiben. Dauthendey starb an Malaria in Lebers Klinik in Malang auf Java 1918. Leber wurde als Deutscher in Malang 1940 unter Arrest gestellt, interniert und 1942 nach Indien deportiert, wo er blieb.

Mit „Die Entwicklung eines neuen Instruments für Applanationstonografie mit konstantem Augendruck vor 25 Jahren“ präsentierten Prof. Dr. Erik Linner und Torsten Olsson einen wesentlichen Aspekt der Geschichte der Diagnostik des Glaukoms. In den Jahren 1950 und 1951 hat Grant die Methode der Tonografie publiziert. Ein Schiötz-Tonometer wurde für vier Minuten am Auge angelegt, und die Lage des Tonometerstiftes konnte kontinuierlich gemessen werden. Die Zunahme des entfernten Kammerwasservolumens und der sinkende Augendruck wurden kalkuliert. Diese Methode hat sich als klinisch sehr wichtig gezeigt, obschon verschiedene Fehlerquellen die Bedeutung für den individuellen Patienten einschränkten. Um die Genauigkeit zu verbessern sind viele Versuche später durchgeführt worden, zum Beispiel um den Augendruck konstant zu halten oder eine zunehmende Applanationsfläche zu nutzen. In den achtziger Jahren wurden neue, elektronische Messinstrumente zugänglich und deshalb wollte man ein neues Instrument entwickeln. Der Originalkopf am Goldmann Tonometer wurde durch einen neuen, transparenten Kopf mit einer ebenen vorderen Fläche von 9 mm Durchmesser und mit einem elektronischen Drucksensor im Zentrum ersetzt. Die Applanationskraft konnte von Anfang an von Hand verändert werden, später sollte diese Kraft von dem Sensorsignal automatisch bestimmt werden. Die Applanationsfläche konnte fotografisch gemessen werden, und die Volumenveränderung im Auge wurde als ein Teil einer Sphäre berechnet. Versuche an enukleierten Menschen- und Schweineaugen – sowie an Menschenaugen in situ – zeigten, dass dieses Instrument geeignet war, um Augendruck, Pulsamplitude, Applanationskraft und Applanationsfläche unabhängig von einander unter einem konstanten Augendruck zu messen. Dieses Instrument konnte als ein für die Tonografie unter konstantem Augendruck geeigneter Prototyp angesehen werden, gewisse Verbesserungen mit Hilfe von neuen technischen Fortschritten sind vorgesehen.

Der „Doktor Eisenbarth“ ist wohl jedem aus dem beliebten Kinder- und Spottlied bekannt. Es hat ihn allerdings tatsächlich gegeben. Gregor Wollensak beschreibt mit seinem Vortrag „Der berühmte Okulist Eisenbarth von Oberviechtach" die Vita des legendären Arztes. Johann Andreas Eisenbarth wurde am 27. März 1663 in Oberviechtach geboren. Er ging bei seinem Schwager, dem Bamberger Okulisten, Stein- und Bruchschneider Alexander Biller in die Lehre. 1684 legte er in Salzburg seine Gesellenprüfung ab. 1685 ging er nach Altenburg, wo er dem Okulisten Johann Heinigken assistierte. Später heiratete er dessen Tochter Catharina Elisabetha Heinigken und machte sich selbständig. In den darauffolgenden Jahrzehnten wirkte Eisenbarth neben seiner Arbeit in Altenburg als Wanderarzt vor allem in Sachsen, aber auch bis nach Berlin, Stettin, Danzig und Breslau. 1701 traf er in Frankfurt den noch jungen Heister, der später Medizinprofessor in Helmstedt wurde. 1704 siedelte er von Altenburg nach Magdeburg um, wo er das Bürgerhaus „Zum goldenen Apfel“ erwarb. Von Magdeburg aus wirkte er in Berlin, Bremen, Hannover, Kassel bis nach Koblenz. 1716 heilte er in Stargard erfolgreich eine Augenverletzung des Oberstleutnant von Grävenitz. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er 1722 Anna Rosina Albrecht. Am 11. November 1727 verstarb Eisenbarth auf einer seiner Arztreisen an einem Schlaganfall in Hannoversch-Münden.


Den Abschluss der wissenschaftlichen Vorträge bildete eine Präsentation der „Bestände für die Ophthalmohistoriker im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien“ durch Frank Krogmann, den Geschäftsführer der Julius Hirschberg-Gesellschaft.

Weiteren wissenschaftlichen Austausch ermöglichte der gemeinsam mit der frankophonen ophthalmohistorischen Gesellschaft SFHO durchgeführte Gala-Abend. Bei ausgewählt guten Speisen und Wein ließ sich die eine oder andere wissenschaftliche Frage des Tages und neue und alte Kontakte in äußerst angenehmem Ambiente diskutieren und vertiefen.

Der nächste Jahreskongress der Julius-Hirschberg-Gesellschaft findet vom 5. bis 9. September 2007 in Villars und Montreux statt. Weitere Informationen unter http://www.dog.org/jhg/.