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Aus der aktuellen Ausgabe - Berufspolitik

05/2008:

Vom Taunus in den Vorharz

Bis Ende Januar dieses Jahres gab es im 28.000 Einwohner zählenden Aschersleben lediglich eine einzige Augenärztin für Kassenpatienten. Der Augenarzt Dr. Detlev Hoffmann aus Frankfurt wurde auf eine bundesweite Ausschreibung der KV Sachsen-Anhalt aufmerksam und entschloss sich zu einem Wechsel in den Osten. Von Petra Zieler.

Als Dr. Detlev Hoffmann an seinem ersten Arbeitstag in Aschersleben in Reichweite seiner Praxis kam, blieb er vor Schreck stehen: Um die 300 Menschen standen Schlange nach einem Augenarzttermin. „Ich wusste, dass man mich hier händeringend braucht, aber einen solchen Ansturm hätte ich nicht erwartet.”

Für die 28.000 Einwohner von Aschersleben gab es bis zu diesem Zeitpunkt nur eine Augenärztin, die GKV-Patienten behandelte. Da die Ärztin sich nicht mehr in der Lage sah, neue Patienten anzunehmen, hatte die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) deutschlandweit einen augenärztlichen Vertragsarztsitz mit der Zusage einer Umsatzgarantie ausgeschrieben. Diese Anzeige fiel Hoffmann in die Hände. „Meine Frau und ich hatten gerade darüber nachgedacht, was ich nach meinem 65. Geburtstag mit mir anfange. Sollte ich meine Praxis in Kelkheim weiterführen? Für den Ruhestand fühlte ich mich ehrlich gesagt noch zu jung. Aber das Hauen und Stechen der Ärzte in und um Frankfurt, der ewige Konkurrenzkampf, die Jagd nach Patienten hatte ich eigentlich satt.”

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Dr. Detlev Hoffmann.

Und so saß er schon eine Woche später mit KVSA-Geschäftsführer Martin Wenger an einem Tisch. Es folgten Gespräche mit dem Bürgermeister in Aschersleben, mit der Wohnungsgenossenschaft und relativ schnell war klar, dass die neue berufliche Heimat für den Augenarzt Aschersleben sein würde. Die Stadtverwaltung half dem Arzt bei der Vermittlung der Praxisräume und zahlte auch den Umzug vom Taunus. „15.000 Euro Startgeld, wie immer wieder gemunkelt wird, habe ich aber nicht bekommen”, stellt Hoffmann klar. Die gibt es in einigen unterversorgten Regionen Sachsen-Anhalts für Hausärzte. Die von der KVSA gewährte Umsatzgarantie für die ersten sechs Quartale ist „ein Stück soziale Sicherheit, auch für den Fall, dass ich mal längere Zeit krank bin. Aber zu Reichtum werde ich nicht kommen.” Aufgrund des Andrangs beschäftigt Detlev Hoffmann fünf Arzthelferinnen in Teilzeit, in Kelkheim waren es drei. 2.000 Euro gehen monatlich für die bisherige Praxis drauf, die der Augenarzt bisher weder verkaufen noch vermieten konnte. Und was außer den garantierten 10.000 Euro pro Monat noch an Honorar reinkommt, weiß er nicht. Die erste Abrechnung wird wohl erst im August kommen. Hoffmann: „Ich arbeite am Limit, habe keinerlei finanzielle Reserven.” An eine größere Reparatur der teilweise schon drei Jahrzehnte alten Geräte oder gar eine Neuanschaffung sei bei einem Honorar von etwa 15 Euro pro Patient und Quartal gar nicht zu denken. „Stünde so etwas an, müsste ich die Praxis schließen.” Wie ihm ginge es vielen Ärzten, glaubt der Arzt und fordert Reaktionen von der Politik.

Mehr als 1.400 Patienten hat Hoffmann bereits in den ersten acht Wochen in Aschersleben behandelt. Und obwohl er sich freie Nachmittage auch mittwochs und freitags nicht gönnt, ist die Nachfrage ungebrochen. Termine werden derzeit für etwa sieben Monate im Voraus vergeben. „Notfälle aber schieben wir immer dazwischen.” Der Arzt aus dem Taunus begreift seine Kollegen aus dem Westen nicht: „Hier gibt es so viele unterversorgte Regionen. Wer wirklich Arzt sein und arbeiten will, der sollte dorthin gehen, wo die Arbeit ist. Hier bin ich Arzt. Hier werde ich gebraucht. Hier muss ich meinen Praxissitz nicht nach der exklusivsten Lage aussuchen.” Während es im Westen einen gnadenlosen Kampf um jeden Patienten gebe, kämpften im Osten Patienten um einen Arzttermin. „Ich habe sehr viele dankbare Patienten, die mich jeden Tag aufs Neue motivieren.” Daran könne selbst die oft schwerfällige Bürokratie in Sachsen-Anhalt kaum etwas ändern. „Wollte ich in Kelkheim Patienten überweisen oder eine zweite Meinung einholen, war das oft auf kurzem Weg möglich. Hier scheint das meiste nur auf dem umständlichen Schriftweg zu funktionieren. Das nervt und kostet Zeit.”
Wie lange Detlev Hoffmann, der am 16. März offiziell Rentner geworden ist, in Aschersleben praktizieren will, weiß er noch nicht. „An ein Ende denke ich erst mal nicht.”