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Kurznachrichten

12/2020:

LHON: Phase-III-Studie bestätigt Wirksamkeit von Gentherapie

Klinische Studien der Phase III unter Beteiligung des LMU Klinikums München bestätigen Wirksamkeit einer Gentherapie, mit der sich die Lebersche hereditäre Optikus-Neuropathie (LHON) erstmals ursächlich behandeln lässt.

Ursache der LHON ist ein Gendefekt im mitochondrialen Erbgut, das nur über die mütterliche Linie vererbt wird. In der Folge kommt es innerhalb weniger Wochen zu einem schmerzlosen, rasch fortschreitenden Sehverlust, der meist zunächst ein Auge betrifft und sich kurze Zeit später auf das zweite Auge ausweitet. Nun könnte im klinischen Alltag schon bald erstmals eine gentherapeutische Behandlung der LHON zum Einsatz kommen, die an der Ursache der Erkrankung ansetzt: Mit einer einzigen intravitrealen Injektion wurde eine nachhaltige und klinisch bedeutsame Verbesserung der Sehschärfe auf beiden Augen erzielt.

Durchgeführt wurden die randomisierten, placebokontrollierten, doppelblinden Studien an sieben Zentren weltweit, darunter am LMU Klinikum unter der Leitung von Prof. Thomas Klopstock, Friedrich-Baur-Institut an der Neurologischen Klinik, sowie Prof. Günther Rudolph, Augenklinik der LMU. Laut LMU gehören beide Kliniken zu den weltweit führenden Zentren in der Erforschung und Behandlung sowohl von mitochondrialen Erkrankungen als auch von erblichen Augenerkrankungen. In dieser Kooperation wurden zahlreiche Projekte zum Thema LHON durchgeführt. Schon bei den Studien des Medikaments Idebenone (Markenname Raxone) für LHON, der bislang ersten und einzigen zugelassenen Therapie für eine mitochondriale Erkrankung, war das LMU Klinikum Leitzentrum.

Bei der jetzigen Gentherapie handelt es sich um eine einmalige Injektion in den Glasköper. Eine Wildtyp-Kopie des bei LHON betroffenen Gens wird in einen Virus verpackt und findet ihren Weg in die Ganglienzellen der Netzhaut. Da man das mitochondriale Erbgut bislang nicht direkt mit Gentherapie erreichen kann, wird das Wildtyp-Gen in den Zellkern der betroffenen Zellen gelotst und dort in Boten-RNA abgelesen. Diese wiederum wird im Zytoplasma der Zellen in das entsprechende Eiweiß übersetzt, welches dann seinen Weg in die Mitochondrien findet.

Die Sehkraft der 37 behandelten Patienten besserte sich am behandelten Auge im Schnitt um 15 Buchstaben auf der Sehtafel. Überraschenderweise besserte sich auch das zweite Auge der Patienten, im Schnitt um 13 Buchstaben auf der Sehtafel. Im Tierversuch fand sich dazu die Erklärung: Das Gentherapie-Konstrukt kann über die Sehnerven auch in das kontralaterale Auge wandern.

„Diese Gentherapie bedeutet einen deutlichen Fortschritt in der Behandlung von LHON, die erreichte Besserung der Sehkraft ist für die Patienten eine große Erleichterung. Die Bedeutung der Studie geht aber weit darüber hinaus: Sie zeigt, dass man Defekte des mitochondrialen Erbguts auf diese Weise behandeln kann, und eröffnet somit das Feld der Gentherapie auch für viele andere mitochondriale Erkrankungen“, so Klopstock, der die RESCUE und REVERSE-Phase-III-Studie zur LUMEVOQ®-Gentherapie bei ND4-LHON-Patienten am Standort federführend leitete.

Die Hersteller-Firma der Gentherapie, GenSight Biologics, hat bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) einen Zulassungsantrag für Lumevoq® gestellt. Die Entscheidung wird für die zweite Hälfte des Jahres 2021 erwartet


Bilateral visual improvement with unilateral gene therapy injection for Leber hereditary optic neuropathy. in: Science Translational Medicine Vol. 12, No. 573, DOI: 10.1126/scitranslmed.aaz7423


Quelle: LMU Klinikum München