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Tagungsberichte

03/2006:

Kongressvorschau - AAD

Operative Behandlung von Augenkrankheiten
BildVom 21. bis 25. März lädt die Augenärztliche Akademie Deutschland (AAD) zum größten deutschsprachigen Fort- und Weiterbildungskongress wieder nach Düsseldorf ins Congress Center ein. Diese siebte gemeinsame Veranstaltung von BVA und DOG steht in diesem Jahr unter dem Thema „Operative Behandlung von Augen-krankheiten – Indikationen, Techniken, Nachsorge“. Dr. Uwe Kraffel, seit nunmehr sechs Jahren 1. Vorsitzender des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands, stellte sich im Vorfeld der AAD einem Gespräch mit dem AUGENSPIEGEL zur Verfügung.

DER AUGENSPIEGEL:
Im Vorwort des Tagungsprogramms zur AAD heißt es: „In der Abgrenzung der medikamentösen zur chirurgischen The-rapie ist in vielen Teilgebieten eine Neuerung eingetreten.“ Gibt es irgendetwas Neues?

Dr. Uwe Kraffel:
Selbstverständlich gibt es bei den Operationen immer etwas Neues. Das wird ein Teil der Themen sein. Insbesondere wollen wir aber auch einen Blick auf die Abgrenzung zwischen konservativer und operativer Therapie werfen. Wo liegt die Grenze? Gerade bei der Glaukombehandlung haben sich die Ansichten immer wieder gewandelt. Wurden früher relativ viele Glaukome operiert, führten Betablocker und Prostaglandine doch zu einer Verdrängung der Operationen. Jetzt kommt über die Kostendiskussion plötzlich ein Impedus zur Operation, bei dem sich die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit stellt. Andererseits muss man sich fragen, ob Dreifach- oder Vierfachtherapien wirklich einer Operation vorzuziehen sind. Sicher ist eine Operation komplikationsärmer, wenn sie nicht erst am Ende einer langen Pharmako-therapie kommt, die Bindehaut und Hornhaut stark verändert hat.

DER AUGENSPIEGEL:
Warum wird innerhalb der AAD nicht intensiver Bezug genommen auf aktuelle Nöte und Sorgen der niedergelassenen und niederlassungswilligen Kollegen?

Dr. Uwe Kraffel:
Das wird das Thema des berufspolitischen Abends am Freitag sein. Hier werden wir diesen gesamten Fragenkomplex ansprechen. Das Thema Praxisabgabe wird im Rahmen des Praxis-übergabe Seminars abgehandelt. Diese Thematik wendet sich eigentlich an jüngere Kollegen. Es kommen aber auch zunehmend ältere Kollegen, die eine Übergabe planen und sich vorab informieren wollen. Also jüngere, die eine Praxis übernehmen und ältere, die sie abgeben wollen.

DER AUGENSPIEGEL:
Aktuell ist der Unmut in der Ärzteschaft – gerade auch bei den Jüngeren – groß. Könnte man nicht nachträglich ein Diskussions-forum zu den Ärzteprotesten in das AAD-Programm einschieben?

Dr. Uwe Kraffel:
Dafür ist der berufspolitische Abend gedacht. Man wird darin die Probleme behandeln, zumindest aber anreißen können.

DER AUGENSPIEGEL:
Wird es nach Ihrer Einschätzung zu weiteren Streiks kommen? Es besteht doch die Gefahr, dass die Wirkung dieses einmaligen Streiks verpufft - und das will die Regierung schließlich.

Dr. Uwe Kraffel:
Wir sind dabei, etwas zu unternehmen. Das Problem aber ist, dass die Kollegenschaft von ihrer Grundhaltung her eher zurückhaltend reagiert. Sie machen nur ungern die Praxis zu, um die Patienten nicht vor den Kopf zu stoßen.

DER AUGENSPIEGEL:
Ein Streitpunkt ist auch die Honorierung: Der Verfall des Punktwertes schreitet unaufhaltsam fort. Er bewegt sich jetzt im Bereich von knapp über 3 Cent. In vielen Praxen reichen die Kassenhonorare für den Praxiserhalt nicht aus und dient nicht mehr dem Unterhalt der Familie. Das Geld der Privatpatienten muss mit in die Praxis fließen. Die Privatpatienten bezahlen also die Leistungen für die Kassenpatienten mit.

Dr. Uwe Kraffel:
Da ist in der Tat etwas faul. Und das nicht nur wegen der Subven-tionsgeschichte. Das können wir so nicht weiter tolerieren. Hier wird auch etwas passieren und dazu brauchen wir die Mitarbeit der Kollegen. Auf dem Verhandlungsweg können wir nichts erreichen. Wir müssen den Politikern klarmachen, dass es so nicht weiter geht.

DER AUGENSPIEGEL:
Im EBM 2000 Plus ist eine Unsicherheit hinsichtlich der Ziffer 6320, die Behandlung und Störung des binokularen Sehens bis zum 5. Lebensjahr. Kann diese Ziffer auch angesetzt werden, wenn zwar der Verdacht auf eine Störung vorliegt, hinterher aber nichts behandelt werden muss?

Dr. Uwe Kraffel:
Eine Behandlung findet in irgendeiner Weise immer statt. Selbst, wenn man eine Brille aufschreibt, die ja auch in das Stereo-Sehen eingreift. Schließlich wird man ja auch mit einem Gespräch therapeutisch wirksam.

DER AUGENSPIEGEL:
Die Ziffer 6333 beinhaltet die binokulare Untersuchung des gesamten Augenhintergrundes. Kann diese Ziffer zweimal angesetzt werden, wenn beide Augen entsprechend untersucht werden?

Dr. Uwe Kraffel:
Das ist richtig.

DER AUGENSPIEGEL:
Können Sie sich vorstellen, dass es den Augenärzten zukünftig gestattet wird, Brillen in ihrer Praxis zu verkaufen?

Dr. Uwe Kraffel:
Ja. Denn der Versorgung aus einer Hand gehört die Zukunft.

DER AUGENSPIEGEL:
Gilt das gleiche für die gängigen Medikamente?

Dr. Uwe Kraffel:
Auch das halte ich für vernünftig. Versuchen Sie mal, einem Patienten mit einer herpetischen Keratitis etwas aufzuschreiben, was über Zovirax hinausgeht. Es kann drei oder vier Tage dauern, bis das Medikament verfügbar ist.

DER AUGENSPIEGEL:
Was halten Sie von dem unseligen Zuschlag für Gemeinschafts-praxen? Es läuft doch unter der Prämisse Selbstverwaltung. Wie ist es damit zu vereinbaren, dass die Einzelpraxen benachteiligt werden?

Dr. Uwe Kraffel:
Den Zuschlag habe ich immer abgelehnt. Ich habe sogar versucht, Widerstand zu organisieren und bin damit grandios gescheitert. Ich habe seinerzeit einen Rundbrief an alle 5.000 Kollegen geschickt mit der Bitte, bei ihren KVen gegen diesen Zuschlag zu opponieren. Ich hatte gebeten, mir Kopien dieser Briefe zu schicken, um die Aktion zentral verarbeiten zu können. Ich habe sage und schreibe 31 Kopien bekommen und darunter nicht eine aus meinem Vorstand.

DER AUGENSPIEGEL:
Die AAD ist ein Weiterbildungskongress. Doch die Aus- und Weiterbildung der jungen Augenärzte stellt mittlerweile ein großes Problem. Ist sie noch zeitgemäß?

Dr. Uwe Kraffel:
Nein. Unser Problem ist, dass durch die weitgreifende Spezialisierung der Augenkliniken nicht alles innerhalb einer Klinik abgedeckt werden kann. Innerhalb von vier Jahren muss der Assistent das gesamte Spektrum der Ophthalmologie gelernt haben und es gibt in Deutschland kaum noch eine Klinik, die da wirklich alles macht. Der zweite Punkt ist die hohe Qualität der chirurgischen Techniken, die der junge Assistent innerhalb dieser relativ kurzen Zeit nicht erlernen kann. In der Klinik wird also der Chef oder der erfahrene Oberarzt operieren müssen. Das, was der junge Assistent machen kann, trägt die Katze auf dem Schwanz davon. Man muss sich natürlich auch die Frage stellen, ob jeder, der hinterher mit Brillenverordnungen sein Geld verdient, tatsächlich mit allen Geheimnissen der Kataraktchirurgie vertraut sein muss.

DER AUGENSPIEGEL:
Das gibt aber Anlass zu der Befürchtung, dass wir bald zwei Fachärzte haben, den operativen und den konservativ tätigen.

Dr. Uwe Kraffel:
Das wollen wir nicht. Ich habe mich immer dagegen gestellt.

DER AUGENSPIEGEL:
Wenn man nun den ambulant Operierenden grundsätzlich die Weiterbildungsermächtigung gäbe?

Dr. Uwe Kraffel:
Da habe ich ein Problem. Der Operateur steht den ganzen Tag im OP und der Assistent macht die Vor- und Nachuntersuchungen.

DER AUGENSPIEGEL:
Ich meinte vielmehr, dass er operieren lernt.

Dr. Uwe Kraffel:
Brauchen wir aber soviel Operateure? Wir haben schließlich schon mehr Operateure als wir tatsächlich benötigen.

DER AUGENSPIEGEL:
Die neuen Verträge der Klinikärzte gestatten keine Nebenein-nahmen. Es wird also auch keinen Pool geben. Meinen Sie, dass ein junger Oberarzt, wenn er denn operieren gelernt hat, für das feste, aber recht knappe Universitäts-Gehalt arbeiten wird?

Dr. Uwe Kraffel:
Genau das gleiche wird auch mit den Chefärzten passieren. Man stelle sich folgendes vor: Ein guter versierter Operateur in Chefarztstellung. Den kann man nicht für ein Nettogehalt von drei- oder viertausend Euro an der Klinik halten. Dem muss die Chance geben, durch Nebeneinnahmen mehr zu verdienen oder aber muss ihm von vorn herein ein höheres Grundgehalt anbieten. Immer mehr junge Leute brechen ihre Facharztausbildung vorzeitig ab.

DER AUGENSPIEGEL:
Doch zurück zur AAD. Halten sie eine Kongressdauer von fünf Tagen für angemessen?

Dr. Uwe Kraffel:
Der Kongress ist in dieser Größe und in dieser Länge angenommen worden. Wir haben auch schon über eine Verkürzung nachgedacht, aber gemerkt, dass das wenig bringt. Wenn wir die Zeitdauer verkürzen, kommen wir hinsichtlich des Programms in große Schwierigkeiten.

DER AUGENSPIEGEL:
Mit welcher Teilnehmerzahl rechnen Sie? Letztes Jahr wurden 5.659 Besucher, davon rund 4.300 Fachteilnehmer, gezählt.

Dr. Uwe Kraffel:
Es werden sicherlich noch mehr als das letzte Mal. Wir befinden uns jetzt schon auf neuen Höhenflügen.

DER AUGENSPIEGEL:
Was gibt es an besonderen Aktivitäten?

Dr. Uwe Kraffel:
Neu dieses Jahr ist eine Kinderbetreuung. Besonders gedacht für unsere jungen Kolleginnen. Man kann morgens die Kinder abgeben und dann in aller Ruhe den Kongress besuchen.

DER AUGENSPIEGEL:
Herr Dr. Kraffel, wir bedanken uns für das Gespräch.