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Kurznachrichten

01/2021:

Gewebespende trotz Corona stabil

Im vergangenen Jahr stimmten 3.029 Mal Spender beziehungsweise Angehörige der Gewebespende wie Augenhornhaut, Herzklappen und Blutgefäßen und Amnion (Plazenta) zu. Trotz eines Spendeneinbruchs während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr konnte die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) das hohe Spendenniveau aus dem Vorjahr halten. Insgesamt vermittelte die DGFG 6.268 Gewebetransplantate an Patienten deutschlandweit, 3.962 Patienten konnten in 2020 mit einem Augenhornhauttransplantat zur Wiederherstellung oder dem Erhalt ihrer Sehkraft versorgt werden, meldet die DGFG.

Eine Gewebespende gibt Zuversicht auf ein selbstbestimmtes Leben: Hornhautspenden bewahren Patienten vor dem Erblinden, während ein humanes Gefäßtransplantat bisweilen sogar Leben retten kann. Die Zustimmungsquote zu einer Gewebespende lag bei rund 41 Prozent. „Allen voran den besonnenen Spenderinnen und Spendern und ihren Angehörigen verdanken wir in diesen herausfordernden Zeiten, dass wir trotz des deutlichen Spendeneinbruchs im April und Mai auch in 2020 das hohe Spendenniveau gegenüber dem Vorjahr halten konnten“, so Martin Börgel, Geschäftsführer der gemeinnützigen DGFG.

41.327 Meldungen über potenzielle Spender prüften Gewebespende Koordinatoren der DGFG auf medizinische Kontraindikationen und andere Ausschlussgründe. 7.441 Gespräche mit Angehörigen (bzw. Lebendspender) gingen daraus hervor, in denen die Koordinator:innen über die Möglichkeit der Gewebespende informierten. 3.029 Mal wurde einer Spende von Geweben zugestimmt (2019: 3.007). 5.938 Gewebepräparate konnten aus den realisierten Spenden für die Versorgung von Patienten in ganz Deutschland gewonnen werden. Am Spende stärksten zeigten sich die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (471 Spender), Mecklenburg-Vorpommern (340 Spender) und Sachsen (320 Spender).

Neues Spendeprogramm: Mehr Menschen erhalten lebensnotwendige Herzklappen und Blutgefäße

Herzklappen- und Gefäßtransplantate kommen bei kardiovaskulären Erkrankungen zum Einsatz, bewahren vor Amputationen und retten bisweilen sogar Leben. Insgesamt wurden 537 Herzklappen und Blutgefäße (kardiovaskuläres Gewebe) in 2020 gespendet; in 2019 waren es 584. Erfolgreich zur Transplantation vermitteltet wurden in diesem Jahr 164 Herzklappen und 102 Gefäße. Das Vorjahresergebnis von 171 Herzklappen und 115 Gefäßen wurde trotz Pandemie bedingter Einschränkungen somit nur knapp verfehlt.
Anders als bei der Organspende können Gewebe nach dem Stillstand des Herz-Kreislaufs und unabhängig vom irreversiblen Hirnfunktionsausfall (Hirntod) gespendet werden – im Falle von kardiovaskulären Geweben noch bis zu 36 Stunden danach. Bisher findet der Großteil der Herzklappen- und Blutgefäßspende dennoch im Rahmen von Organspenden statt. Da sich die Organspendezahlen seit Jahren auf einem niedrigen Niveau bewegen, kann auch der Bedarf an Herzklappen und Gefäßtransplantaten (jeweils etwa 500 pro Jahr in Deutschland) nicht gedeckt werden. Um mehr solcher Transplantate für Patienten verfügbar zu machen, baut die DGFG seit 2017 ein Programm zur Spende von kardiovaskulären Geweben nach dem Herz-Kreislauf-Tod auf. Mit 38 Herz-Kreislauf-verstorbenen Spendern (2019: 31) konnte die DGFG ihr von der Organspende unabhängiges Spendeprogramm für kardiovaskuläre Gewebe in 2020 weiter ausbauen.

Hornhauttransplantation: Schonendes, lamelläres OP-Verfahren immer gefragter

3.962 Patienten konnte die DGFG in 2020 mit einem Augenhornhauttransplantat zur Wiederherstellung oder dem Erhalt ihrer Sehkraft versorgen. Im Durchschnitt werden pro Jahr rund 7.000 Hornhauttransplantationen in Deutschland durchgeführt. „Mehr als jede zweite Hornhaut kommt von der DGFG. Wir können mittlerweile bei der Hornhauttransplantation die meisten Anfragen innerhalb weniger Wochen erfüllen“, sagt Börgel. Zu 53 Prozent werden Transplantate für eine DMEK-Operation (Descemet Membrane Endothelial Keratoplasty) angefragt. Bei diesem schonenden Operationsverfahren ersetzen Ärzt:innen nur eine dünne Schicht der Hornhaut – eine sogenannte Lamelle – wodurch sich die Sehfähigkeit der Patient:innen deutlich schneller erholt und das Infektionsrisiko minimal bleibt. Speziell für dieses Transplantationsverfahren entwickelt, vermittelte die DGFG 487 vorpräparierte Hornhautlamellen (LaMEK) (2019: 381).
Für 2021 erwartet die DGFG die Zulassung einer Innovation im Feld der Hornhautchirurgie: Mit der Preloaded-LaMEK entfällt die Vorbereitung der Hornhautlamelle kurz vor der Transplantation und das Transplantat wird zur unmittelbaren Eingabe in die Augenhornhaut in einer Kartusche angeliefert. Behandlungsdauer, Verwurf des Transplantats in Folge von Präparationsfehlern im OP sowie Stress auf die Zellen des Transplantats werden dadurch reduziert. Entwickelt wurde das Präparat von Professor Doktor Peter Szurman, Chefarzt an der Augenklinik Sulzbach, in Zusammenarbeit mit der DGFG.

Ein doppeltes Geschenk ans Leben: Plazentaspende verhilft Menschen zu Therapie ohne Trauma

In 2020 konnte die DGFG 20 Plazentaspenden im Rahmen geplanter Kaiserschnittgeburten realisieren. Aus der Plazenta wird die sogenannte Amnionmembran gewonnen, die innere, dem Fötus zugewandte Eihaut. Die hauchdünne Membran können Ärzt:innen in der gynäkologischen Chirurgie, Mund-Kiefer-Chirurgie sowie als temporären Hautersatz bei thermischen Verletzungen und Wundheilungsstörungen einsetzen. Schwerpunktmäßig findet die Amnionmembran bisher in der Ophthalmologie zur Behandlung von schwererkrankten Augenoberflächen Anwendung. Eine Therapie ohne zusätzliches Trauma durch Einnähen der Amnionmembran ermöglicht der seit Ende 2019 zugelassene AmnioClip-plus. Die in einen Ring eingespannte Amnionmembran wird – ähnlich wie eine Kontaktlinse – auf das betroffene Auge aufgelegt. In 2020 kamen 98 solcher Präparate Patient:innen zum Erhalt ihres Auges und Sehkraft zugute. Insgesamt wurden 1.942 „Wundpflaster“ aus Amnionmembranspenden vermittelt (2019: 1.880). Seit 2020 gibt die DGFG mit Erlaubnis des Paul-Ehrlich-Institutes diese auch für andere Indikationen wie chronische Wunden ab. Bei den ersten versorgten Patienten konnten bereits sehr gute klinische Ergebnisse erzielt werden.

Netzwerkstruktur sichert Patientenversorgung auch in der Krise

Dass trotz Corona-Pandemie die Patientenversorgung auch in den schwierigen Monaten März bis Mai gewährleistet werden konnte, ist auf die bundesweite Netzwerkorganisation von DGFG und Partnern zurückzuführen. Zusammenwirkende Kräfte sind Gewebespende Koordinator:innen, über 100 Spendekrankenhäuser sowie 13 Gewebebanken: Zahlreiche Universitätskliniken, kommunale und konfessionelle Krankenhäuser, aber auch große Klinikverbünde melden potenzielle Gewebespender an die DGFG. Unter anderem schlossen sich das Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart sowie das Friedrich-Ebert Krankenhaus Neumünster in 2020 dem Netzwerk der DGFG an. Die Koordinatoren unterstützen die Kliniken da, wo es notwendig ist: Vor Ort – beim Spenderscreening, dem Angehörigengespräch, der Gewebeentnahme sowie bei der Klärung von beispielsweise datenschutzrechtlichen Belangen.

Nach der Entnahme werden die Gewebe einer Gewebebank zugewiesen. Für die Gewebemedizin ist diese Netzwerkorganisation essenziell. Denn anders als bei der Organspende werden Gewebe nicht unmittelbar transplantiert. Sie werden in einer Gewebebank zunächst zu Transplantaten aufbereitet und gelagert, bis sie über die zentrale Vermittlungsstelle in Hannover an Transplantationszentren im gesamten Bundesgebiet vermittelt werden.

Diese Netzwerkorganisation erlaubt, dass hoher Bedarf an Gewebetransplantaten in einem Klinikum trotz geringer regionaler Spende gedeckt werden kann. Wiederum müssen Gewebespenden auf Grund akut fehlender Kapazitäten in der nächstgelegenen Gewebebank nicht abgelehnt werden. Andersherum werden Transplantate nicht verworfen, wenn der lokale Bedarf unter den verfügbaren Geweben liegt. Augenhornhäute etwa können maximal 34 Tage vor der Transplantation aufbewahrt werden. Als viele Kliniken ihren Betrieb während des ersten Lockdowns einschränkten und in Folge Augenhornhauttransplantationen kurzfristig absagten, waren Gewebeeinrichtungen vor eine planerische, wirtschaftliche und ethische Herausforderung gestellt.

Das DGFG Netzwerk konnte auf die gesunkenen Transplantationskapazitäten reagieren und gleichzeitig eine Notfallversorgung sicherstellen. „Das Netzwerk ermöglicht eine optimale Patientenversorgung und geringstmöglichen Verwurf von Gewebespenden. Das hat nicht nur etwas mit Wirtschaftlichkeit zu tun. Hier geht es um eine sichere Versorgung durch Solidarität und Arbeit im Netzwerk. So haben alle ein gerechte Versorgungschance – auch in Krisenzeiten!“, so Martin Börgel.

Bewusst Gewebe spenden: DGFG fördert öffentliche Aufklärung

Ein Großteil der Entscheidungen, sowohl für als auch wider eine Gewebespende, wird von Angehörigen im Sinne der oder des Verstorbenen getroffen – jedoch ohne, dass diese den konkreten Willen kennen. Weniger als ein Drittel (rund 28 Prozent) der potenziellen Spender haben ihre Entscheidung zu Lebzeiten schriftlich dokumentiert oder mündlich geäußert.
Mit einer bildstarken Posterausstellung in Kliniken und öffentlichen Bildungs- und Kultureinrichtungen möchte die DGFG auf die Notwendigkeit und die Möglichkeiten der Gewebespende aufmerksam machen, informieren und zur Entscheidung und Dokumentation dieser bewegen. Die Fotomotive zeigen unter anderem Empfänger:innen von Gewebespenden, die dank der Transplantation wieder sehen und gehen können und Gesundheit, Mobilität und Unabhängigkeit zurückgewonnen haben. Entstanden sind die Portraits, Stillleben und Reportagen in einem mehrsemestrigen Kooperationsprojekt mit Fotografie-Studierenden an der Hochschule Hannover (HsH). Eine Zeitung zur kostenfreien Auslage begleitet die Ausstellung und informiert tiefergehend und anschaulich über die Gewebespende. Unter http://www.gewebespende-erleben.de können die Poster sowie die Zeitung auch digital angesehen und bestellt werden.
Alle Angaben zu den Jahreszahlen 2020 sind vorläufig (Stand 28.12.2020).


Quelle:
Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation gGmbH
http://www.gewebenetzwerk.de