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Aus der aktuellen Ausgabe - Berufspolitik

09/2008:

Für eine facharztzentrierte Versorgung

Interview mit Dr. Thomas Scharmann
Die endgültige Entscheidung über die Weiterentwicklung der Honorare der niedergelassenen Fach- und Hausärzte steht in diesem Monat an. Doch die Fachärzte sprechen noch immer nicht mit einer Stimme. Wie sie dennoch ihre Interessen wahren wollen, erläutert Dr. Thomas Scharmann, Augenarzt und Vorsitzender des Deutschen Facharztverband (DFV), im Gespräch mit dem AUGENSPIEGEL.

Bild DER AUGENSPIEGEL: Die Gründung eines Spitzenverbands der Deutschen Fachärzteschaft (SDF), der alle Facharztgruppen vereinen sollte, ist gescheitert - woran?

Dr. Thomas Scharmann:
Der SDF ist gescheitert, weil von Anfang an bestimmte - vor allem übergreifende - Facharztverbände ausgeschlossen wurden, wie zum Beispiel die Verbände der Ambulanten Operateure, der Deutsche Facharztverband (DFV) oder der Verband der Belegärzte. Damit hat man sich schlechte Voraussetzungen für einen alles umfassenden Verband geschaffen. Zum zweiten wurde es versäumt, gemeinsame politische Ziele explizit zu definieren. Stattdessen wurde Organisatorisches bis ins Detail geregelt.

DER AUGENSPIEGEL:
Welche Rolle spielte die Frage, ob der SDF nur Niedergelassene oder auch Kliniker vertreten sollte?
Dr. Thomas Scharmann:
Das ist eine der Bruchlinien, an denen Zusammenschlüsse von Verbänden derzeit allgemein zu scheitern drohen - siehe Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände (GFB). Mit dem Paragraf 116b SGB V zur Öffnung der Kliniken für die spezialisierte ambulante Versorgung haben die Krankenhäuser den Niedergelassenen den Kampf angesagt. Deshalb wäre der SDF nur als Vertretung der Niedergelassenen sinnvoll gewesen. Das ging aber nicht wegen des Widerstands von „Scheinriesen“ wie dem Berufsverband der Internisten, der zur Hälfte Kliniker vertritt.

DER AUGENSPIEGEL:
Wie bewerten Sie das Scheitern des SDF-Projektes als Mitglied im erweiterten Vorstand des Berufsverbands der Augenärzte (BVA) und als DFV-Vorsitzender?
Dr. Thomas Scharmann:
Als einfaches, aber verbandspolitisch gebildetes BVA-Mitglied denke ich, das Scheitern war abzusehen, als Verbände ausgeschlossen wurden und offene Briefe in Umlauf kamen, die auch an den Hausärzteverband gerichtet waren! Als DFV-Vorsitzender sehe ich meine These bestätigt: Zusammenschlüsse von Verbänden haben kaum eine Zukunft. Sie stolpern immer wieder über Bruchlinien, wie die Trennung der Sektoren oder die Unterschiede zwischen organbezogenen und Methoden-Fächern. Die Einigung auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner macht dabei keinen Sinn, weil diese Minimalziele den Aufwand nicht lohnen und zudem auch die Politik sie nicht versteht.

DER AUGENSPIEGEL:
Welche Rolle kommen denn GFB und DFV in dieser Situation zu?

Dr. Thomas Scharmann:
Die GFB soll meines Wissens Ende dieses Jahres abgewickelt werden. Dann bleibt nur der DFV. Seine Stärke ist, dass er ausdrücklich und nur die niedergelassenen Fachärzte vertritt. Es ist uns gelungen mit dem IGES-Gutachten die These von der teuren Medizin durch die so genannte doppelte Facharztschiene zu widerlegen. Unser nächstes Ziel ist, dass den ambulant tätigen Fachärzten im Sozialgesetzbuch der gleiche Platz eingeräumt wird wie den Hausärzten. Wir brauchen einen §73e SGB V Facharztzentrierte Versorgung! Denn wir sind der Meinung, dass Patienten mit spezifischen Erkrankungen wie zum Beispiel Makuladegeneration vom Facharzt geführt werden müssen, der ähnlich wie im D-Arzt-Prinzip weitere Leistungen veranlasst.

DER AUGENSPIEGEL:
Was kann und soll dazu die Potsdamer Runde leisten, die nun vom informellen Zusammenschluss mit Ihnen als Vorsitzendem in einen Vereinsstatus gehoben wurde?

Dr. Thomas Scharmann:
Diesen Schritt haben eine Reihe Berufsverbänden in Zusammenarbeit mit dem DFV initiiert, aber nicht aus eigenem Antrieb, sondern aus der Not, die das Scheitern des SDF geboren hat. Die Potsdamer Runde bündelt jetzt die Organfachärzte. Bis auf die Urologen und die Neurologen sind alle Verbände vertreten. Mittelfristig ist sie auch für andere fachärztliche Berufsverbände offen, aber die Niedergelassenen stehen im Mittelpunkt. In der Potsdamer Runde machen wir vor allem politische Arbeit, die unter anderem der DFV dann in die Politik transportiert.

DER AUGENSPIEGEL:
Wie sehen Sie die Chancen, dass Fachärzte sich bei der EBM-Reform mit ihrer Forderung nach einer Beibehaltung der Hausarzt-Facharzt-Trennung durchsetzen werden?

Dr. Thomas Scharmann:
Wir sind zuversichtlich, dass wir einiges bewegen konnten. Denn wir haben früh begonnen, auf die desaströsen Folgen einer einheitlichen Weiterentwicklung hinzuweisen. Jetzt erarbeiten wir bereits die Positionen für die Gesundheitsreform 2010. Die kommt gewiss und mit ihr droht eine Verallgemeinerung der Kliniköffnungen - dagegen müssen wir niedergelassene Fachärzte uns frühzeitig und gemeinsam aufstellen.


Herr Dr. Scharmann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Angela Mißlbeck.
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