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Berufspolitik

01/2006:

„Die Ärzte haben eine neue Not: Die Politik kriegt die Probleme nicht gelöst.“

BildInterview mit dem 1. BVA-Vorsitzenden Dr. Uwe Kraffel

Erneut protestierten im Dezember rund 5.000 Uni-Mediziner in Deutschland gegen ungeregelte Arbeitzeiten und zu wenig Gehalt. Auch die niedergelassenen Mediziner gehen nun auf die Straße, weil sie in vielen Bundesländern nach der Einführung des neuen Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) von Honorarsorgen geplagt werden. DER AUGENSPIEGEL sprach mit dem 1. BVA-Vorsitzenden, Dr. Uwe Kraffel, über die Ärzteproteste und Erwartungen an die neue Bundesregierung.


DER AUGENSPIEGEL:
In vielen Teilen Deutschlands protestieren niedergelassene Ärzte gegen Honorareinbußen nach der Einfüh-rung des EBM 2000plus. Wie sind die Augenärzte dabei weggekommen?

Dr. Uwe Kraffel:
Man muss drei Dinge unterscheiden. Das eigentliche augenärztliche Kapi-tel hat die Praxen getroffen, die sehr viele Einzelleistungen wie Farbsinn-untersuchungen oder Untersuch-ungen des Dämmerungssehens abgerechnet haben. Die belegärztlich tätigen Kollegen müssen hohe Abschläge gegenüber vorherigen Abrechnungen hinnehmen. Bei den ambulanten Operationen wurden Katarakte besser bewertet als vorher, aber die Operatio-nen bei Schielenden schlechter. Daran arbeitet die Kassenärzt-liche Bundesvereinigung. Also: Insgesamt fahren wir nicht so schlecht. Erste Auswertungen der KBV zeigen uns sogar als starke Gewinner. Problematisch wird es aber an anderer Stelle, nämlich bei den Honorarverteilungsverträgen und der Grundsituation, dass es jedes Jahr etwas weniger Geld für die ambulante Medizin gibt. Das ist der Punkt, wo die Protestaktionen der Kollegen ansetzen. Der Berufsverband unterstützt diese Aktionen.

DER AUGENSPIEGEL:
Besonders hart trifft es die Augenärzte in Brandenburg. 40 von 72 konservativen Praxen und 22 von 58 operierenden Augenärz-ten hatten laut KV Brandenburg Umsatzeinbußen von mehr als zehn Prozent. Lohnt sich eine Augenarztpraxis noch oder müssen die niedergelassenen Kollegen auf Privatleistungen oder Einzelverträge setzen, um wirtschaftlich überleben zu können?

Dr. Uwe Kraffel:
Auf Privatleistungen müssen sie überall ausweichen. Das muss man ganz klar sagen. Nicht umsonst sind individuelle Gesundheitsleis-tungen bei unserer Fachgruppe besonders in der Diskussion. Von Einzelverträgen halte ich nicht viel. In den meisten Fällen nehmen die Kollegen bei solchen Verträgen Einkommensabschläge gegenüber der Honorierung im Rahmen der Gesamtvergütung hin. Zudem entsolidarisieren diese Verträge die Ärzteschaft.

DER AUGENSPIEGEL:
Können Sie jungen Kollegen aus der Klinik denn unter diesen Umständen noch empfehlen in die Niederlassung zu gehen?

Dr. Uwe Kraffel:
Ja, man kann neuen Kollegen die Niederlassung noch empfehlen, zumal in den Krankenhäusern ja auch alles andere als optimale Bedingungen herrschen. Allerdings müssen sie bereit sein, sich in Bescheidenheit zu üben. Lukrativ ist das ambulante Operieren. Doch es ist auch mit hohen Kosten verbunden und bis man sich hier einen Namen gemacht hat, der die Kosten wieder reinspielt, vergeht einige Zeit.

DER AUGENSPIEGEL:
In Berlin operieren die ambulanten Operateure nur noch auf Kostenvoranschlag. Sie sagen, ihre Punktwerte seien zu gering, um die Kosten zu decken.

Dr. Uwe Kraffel:
Die ambulanten Operateure in Berlin haben in allen Fachgruppen die gleichen Punktwerte. Die geringen Punktwerte gelten also auch für Katarakt- und Glaukom-OPs. Bundesweit ist die Situation beim ambulanten Operieren derzeit sehr heterogen. Im Norden scheint es ähnliche Probleme zu geben wie in Berlin. Baden-Württemberg steht relativ gut da. In Niedersachsen wiederum brennt die Luft.

DER AUGENSPIEGEL:
Zeichnet sich hier denn eine Lösung ab?

Dr. Uwe Kraffel:
Ich gehe davon aus, dass in Berlin und bundesweit Verhandlungen mit den Krankenkassen angesetzt werden – auch im Hinblick auf das Jahr 2006. In der Augenheilkunde haben wir das spezielle Problem, dass die Krankenkassen für Katarakte kein Extra-Geld zur Strukturförderung der ambulanten Operationen zur Ver-fügung stellen wollen, weil sie die Auffassung vertreten, Kata-rakte seien im ambulanten Sektor angekommen.

DER AUGENSPIEGEL:
Nicht nur Niedergelassene sondern auch Klinikärzte sind im Dezember wieder auf die Straße gegangen. In Berlin waren die Augenärzte der Charité beim Streik stark vertreten. Mit welchen Problemen haben die Fachkollegen in den Kliniken zu kämpfen?

Dr. Uwe Kraffel:
Die Kliniken müssen mit weniger Geld auskommen. Durch die Abrechnung nach Fallpauschalen steigt zudem der Verwaltungs-aufwand, so dass Krankenhäuser immer mehr Verwaltungsan-gestellte beschäftigen. In meinem Ausbildungskrankenhaus gab es damals schon mehr Verwaltungsmitarbeiter als Ärzte. Heute wird die Situation noch dadurch verschärft, dass immer mehr Verwaltungs- und Dokumentationsarbeit an den Ärzten kleben bleibt. Sie sehen die Patienten kaum mehr.

DER AUGENSPIEGEL:
Was müsste aus Ihrer Sicht dagegen geschehen?

Dr. Uwe Kraffel:
Vor allem muss die Bezahlung von Überstunden und Bereit-schaftsdiensten geklärt werden. Das ist nicht nur eine gesundheitspolitische Diskussion, diese Debatte muss gesamtgesellschaftlich geführt werden. Ich habe selbst während meiner Aus-bildung mit am Tisch gestanden, während Ärzte nach 16 Stunden Dienst eine Bypass-Operation gemacht haben. Man darf nicht unterschätzen, wie überdreht und euphorisch ein Mensch nach 16 Stunden Arbeit am Stück sein kann. Das ist gefährlich und das muss sich ändern!

DER AUGENSPIEGEL:
Ärzteproteste in dieser Häufigkeit und Verbreitung sind neu. Steckt dahinter ein neues Selbstbewusstsein der Ärzte?

Dr. Uwe Kraffel:
Ich würde sagen: Die Ärzte haben eine neue Not. Wir kommen derzeit an eine neue Qualität in der gesetzlichen Krankenver-sicherung. Wenn sich die Proteste ausweiten, ist die GKV im nächsten Jahr am Ende. Die Politik kriegt die Probleme nicht mehr gelöst. Die rot-grüne Bundesregierung hat mit den Hartz-IV-Reformen in Berlin 60.000 Menschen aus der Krankenver-sicherung gekippt und findet keine Lösung dafür. Betroffen sind vor allem ehemals freiwillig Versicherte, die nach dem 55. Lebensjahr keinen Anspruch auf gesetzliche Versicherung haben.

DER AUGENSPIEGEL:
Welche Erwartungen richten Sie als Berufsverbands-Vorsitzender an die neue Bundesregierung?

Dr. Uwe Kraffel:
Nötig ist eine Reform der GKV in Haupt und Gliedern. Dabei kann nicht die Überlegung im Vordergrund stehen, wie das meiste Geld zu sparen ist. Die größten Einsparungen erreicht man, indem man den Leuten keine Brillen und keinen Zahnersatz mehr gibt. Nein, es muss darum gehen, die Versorgung sicherzustellen. Absolut unproduktiv, angesichts des Problems, dass immer weniger Geld ins System kommt, ist die im Koalitionsvertrag be-schlossene Streichung des Bundeszuschusses für die gesetzliche Krankenversicherung.

DER AUGENSPIEGEL:
Was erhoffen Sie konkret für die Augenärzte?

Dr. Uwe Kraffel:
Die Politik muss mit Spielchen wie Integrationsversorgung und Disease Management Programmen aufhören und stattdessen zu wirklichen Problemlösungen kommen. Sie muss echte sektorenübergreifende Versorgung ermöglichen, zum Beispiel das belegärztliche Tätigkeitsspektrum deutlich erweitern. Wieso soll es nicht möglich sein, dass Krankenhäuser Teile der Untersuchungen von ambulanten Ärzten vornehmen lassen? Wieso sollen kleine Krankenhaus-Stationen nicht von niedergelassenen Ärzten ge-führt werden? Die hauptstationäre Arbeit am Patienten muss mit der belegärztlichen viel enger verknüpft werden.

DER AUGENSPIEGEL:
Wie beurteilen Sie die Ankündigung von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die Honorare für Privatpatienten deutlich zu senken?

Dr. Uwe Kraffel:
Vor der Tür steht in der Tat ein Absenken der Gebührenordnungs-Faktoren für Beamte in der Beihilfe. Das ist ein neuer Schlag gegen die Gesetzliche Krankenversicherung, denn die Beihilfe ist der größte private Krankenversicherer und die meisten Praxen subventionieren ihre GKV-Tätigkeit durch Privatpatienten quer. Es ist auch ein Schlag gegen die Krankenhäuser, die ihre Chef-ärzte oft nur mit Privathonoraren halten können. Insofern sind die Vorschläge von Frau Schmidt unproduktiv. Politisch sind sie aber hochinteressant. Die SPD konnte Frau Schmidt nicht stoppen, weil die parteiinternen Machtkämpfe noch nicht ausgetragen waren. Die Union konnte sie auch nicht stoppen, weil sie in Schmidts Vorschlägen die Sollbruchstelle der Koalition gesehen hat. Deshalb bleibt die weitere Entwicklung äußerst spannend.

DER AUGENSPIEGEL:
Glauben sie denn, dass sich die Koalitionspartner wie angekündigt bis Mitte des Jahres auf einen Gesundheitsreformkompro-miss verständigen werden?

Dr. Uwe Kraffel:
Ja, irgendetwas wird kommen, aber erst nach den Wahlen in etlichen Bundesländern Ende März. Dann ist die Frage, ob es wieder Klein-klein wird, wie bei der Reform 2003 oder die große Reform auf der Einnahmeseite. Lassen wir uns überraschen.

DER AUGENSPIEGEL:
Herr Dr. Kraffel, vielen Dank für das Gespräch!