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Aus der aktuellen Ausgabe - Berufspolitik

03/2008:

Augenärzte setzen auf Qualität im Verbund

Die Zeichen der Zeit stehen auf Kooperation. Genossenschaften und Verbünde gewinnen für Augenärzte immer größere Bedeutung. Wie sind die einzelnen Zusammenschlüsse aufgestellt, welchen Service bieten sie und wohin streben sie? Angela Mißlbeck fasst die Aktivitäten und Ziele einiger bereits bestehender größerer Netzwerke zusammen.

Das deutsche Gesundheitswesen ist massiv in Bewegung geraten. Auch wenn seit Jahren eine Reform die andere jagt, erleben viele die aktuellen Veränderungen als einschneidend. Vor allem die Rolle der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) wird stärker denn je in Frage gestellt. Unter Augenärzten wächst die Unsicherheit, wie es ab 2009 nach der Honorarreform und der Einführung des Gesundheitsfonds weitergehen wird. Zudem sehen sich viele gefordert, sich für einen verstärkten Wettbewerb um Selektivverträge mit Krankenkassen aufzustellen.

KVen und Verbände

„Die Nach-KV-Zeit beginnt. Da müssen Augenärzte sehen, wo sie bleiben“, sagt Ursula Hahn, Geschäftführerin der überregionalen Ocunet Verwaltungs GmbH. Ähnlich sieht es Dr. Ulrich Oeverhaus, Vorsitzender der Augenärztlichen Genossenschaft Westfalens, die sich im vergangenen Jahr gegründet hat. „Tatsache ist, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die KVen nicht mehr genug Geld auszahlen oder sich ganz auflösen. Für diesen Fall braucht es einen Verbund“, sagt Oeverhaus.

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Ursula Hahn, Geschäftführerin der
Ocunet Verwaltungs GmbH


Das hat viele Augenärzte bereits vor einigen Jahren zu Zusammenschlüssen in Genossenschaften und Netzen bewegt. So ist in Niedersachsen 2005 die Qualitätsgemeinschaft Augenheilkunde Nordwest als direkte Reaktion auf Kürzungen der KV im ophthalmochirurgischen Bereich entstanden. Innerhalb kürzester Zeit sind fast alle der 70 Augenchirurgen in Niedersachsen dem Netz beigetreten. Sein Hauptziel ist die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen der Mitglieder gegenüber Kassen und KV. Auch die Gründung der augenärztlichen Genossenschaft Bayern im Jahr 2003 stand bereits mit verschlechterten Honorarbedingungen und zunehmend „undurchschaubare Budgetregelungen“ in Verbindung, wie die Vorsitzende Dr. Regine Poetzsch-Heffter sagt. „Bereits damals war eine Krise des KV-Systems absehbar. Die Gründung erfolgte, um gewappnet zu sein, wenn diese Krise eintritt“, so die Bayreuther Augenärztin. Inzwischen sehen sich auch die Augenärzte im Osten Deutschlands durch das KV-System nicht mehr ausreichend in ihren wirtschaftlichen Interessen vertreten. Dort entstehen derzeit etliche regionale Genossenschaften. In Sachsen-Anhalt besteht sie bereits. In Brandenburg wird die Genossenschaftsgründung derzeit vorbereitet, und in Sachsen hat sich eine augenärztliche Genossenschaft just in diesen Tagen konstituiert. Rund 60 von 280 Augenärzten im Freistaat haben Interesse angemeldet. „Es ist an der Zeit, sich zusammenzuschließen, auch und vor allem wegen der wirtschaftlichen Perspektive“, sagt Gründungsvorstand Dr. Peter Zill.

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Dr. Ulrich Oeverhaus, Vorsitzender der
Augenärztlichen Genossenschaft Westfalens


Quantität und Qualität

Allen Verbünden ist eines gemeinsam: Sie versuchen eine Lücke zu schließen. Denn die Augenärzte vermissen im wachsenden Wettbewerb zunehmend einen Zusammenschluss, der ihre wirtschaftlichen Interessen vertritt. Den KVen auf der einen Seite wird diese Aufgabe nur noch von wenigen zugetraut. Der Berufsverband BVA auf der anderen Seite kann sie als Verein kaum wahrnehmen. Er bräuchte dazu andere Strukturen. Genossenschaften, Netze und Verbünde dagegen versprechen Unterstützung, wenn es um wirtschaftliche Praxisführung und die Sicherung einer Marktposition geht. Ihre Herangehensweise unterscheidet sich dabei jedoch teilweise erheblich.

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Dr. Regine Poetzsch-Heffter, Vorsitzende
der Augenärztlichen Genossenschaft Bayern


So beschränken sich die meisten Genossenschaften vorerst darauf, ihren Mitgliedern als Einkaufsgemeinschaften Kosteneinsparungen zu ermöglichen. Längerfristig sehen sich viele von ihnen jedoch auch als wirtschaftlichen Arm des BVA. Manche Führungsmitglieder der regionalen Genossenschaften sind auch in den Landesgruppen des BVA hochrangig aktiv. „Wenn der BVA wirtschaftlich aktiv werden könnte, hätte es gar keinen Bedarf nach Ergänzung durch Genossenschaften gegeben“, sagt der Westfale Oeverhaus. Die Genossenschaft bereitet sich auf Vertragsverhandlungen mit Krankenkassen vor. Noch steht aber die Mitgliederwerbung im Vordergrund. „Wir wollen möglichst viele Augenärzte versammeln, um eine schlagkräftige Gruppe zu bekommen“, so Oeverhaus. 130 von rund 400 Augenärzten Westfalens sind bereits Genossen.

Wie die meisten anderen Genossenschaften versuchen die Westfalen die Kosten für die Mitglieder so gering wie möglich zu halten. Das bedingt aber auch, dass der Service begrenzt ist. So bieten die Genossenschaften derzeit keine eigenen Angebote für Qualitätsmanagement. Oeverhaus geht davon aus, dass es auf diesem Feld genug andere Anbieter gibt und sieht hier keinen Bedarf. Dagegen gehen andere Zusammenschlüsse davon aus, dass für eine gute Marktposition im Wettbewerb nicht nur die Quantität der Augenärzte in einem Verbund, sondern vor allem ihre Qualität zählt. So rücken zum Beispiel Ocunet und die im Frühjahr 2007 entstandene süddeutsche Augenallianz Qualitätsmanagement stark ins Zentrum ihrer Aktivitäten. „QM steht im Fokus unserer Bemühungen, die Augenallianz-Zentren für die Zukunft aufzustellen“, sagt die Geschäftsführerin Birgit Gregori. Das Angebot reicht vom Know-How-Austausch zwischen den beteiligten Operationszentren und kooperierenden Augenärzten, über gegenseitige Hospitationen und Seminare, bis hin zu Qualitätsdokumentationen und dem Aufbau einer Ergebnisdatenbank. „Wir beobachten, dass neben der schon lang geforderten Struktur- und Prozessqualität immer öfter die Ergebnisqualität diskutiert wird“, so Gregori. Mit einer Datenbank zur Ergebnisqualität bei Kataraktoperationen macht die Augenallianz nun den Anfang. Dabei sollen auch Vor- und Nachbehandlungen berücksichtigt werden. Langfristig strebt der Verbund nach der „Schaffung einer Marktmacht, um als attraktiver und hoch qualifizierter Leistungsanbieter mit Krankenkassen bei Bedarf in Vertragsverhandlungen zu treten“, so Gregori.

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Birgit Gregori, Geschäftsführerin der AugenAllianz

Im Ocunet-Verbund ist eine Datenbank zur Dokumentation von Operationsergebnissen schon in Gebrauch. Sie dient zur Optimierung der postoperativen Versorgung, aber auch zum Vergleich der Operationszentren und als Anregung für Verbesserungen. Langfristiges Ziel ist es, „harte Kriterien für die wichtigsten augenchirurgischen Eingriffe zu entwickeln“, so die Geschäftsführerin Hahn. Qualitätszirkel, gemeinsame Fortbildungen, Fallbesprechungen und eine vierteljährlich erscheinende Zeitung sollen ebenfalls dem fachlichen Austausch und der stetigen Qualitätsverbesserung der Mitglieder dienen. Die Qualitätssicherungsmaßnahmen seiner Mitglieder und der GmbH präsentiert Ocunet jährlich in einem medizinischen Jahresbericht. Der Verbund dürfte mit rund 150 Augenchirurgen aus neun Zentren, rund 200 Ocunet-Partnerpraxen und den kooperierenden konservativen Praxen aus neun Regionen Deutschlands derzeit der Riese unter den Qualitätsnetzen sein. Er ist aber auch bereits seit 2002 am Start und hat damit einen klaren Zeitvorteil gegenüber neueren Zusammenschlüssen. Die überregionale Aufstellung trägt laut Geschäftsführerin Hahn der Entwicklung Rechnung, dass das Gesundheitswesen sich zunehmend zentralisiert. Zu gegebener Zeit würde Ocunet auch als Vertragspartner der Krankenkassen zur Verfügung stehen. „Natürlich informieren wir Krankenkassen über die Ocunet-Initiative“, so Hahn.

Wirtschaftlichkeit und Politik

Ob diese wirtschaftlich orientierten Zusammenschlüsse von Augen_ärzten sich künftig gegenseitig Konkurrenz machen, ist derzeit nicht absehbar. Eines steht jedoch fest: Die Bedeutung des Berufsverbands als politische Interessenvertretung bleibt durch die Entstehung der Netze weitgehend unangetastet.

Neben dem BVA wird dem BDOC von Augenchirurgen große Wichtigkeit beigemessen. „BDOC und BVA sind als politische Vertretung der Augenärzte unverzichtbar“, sagt die Ocunet-Geschäftsführerin Hahn. Für die wirtschaftliche Interessenvertretung sieht sie dennoch Ergänzungsbedarf. „Wer sich jetzt profilieren kann, hat klare Vorteile“, so Hahn. Dass der Zusammenhalt der Augenärzte in der wachsenden Vielfalt der Verbünde dennoch gewahrt wird, erhofft sich Poetzsch-Heffter vom neuen BVA-Vorstand „Der neue BVA-Vorstand geht integrierender vor, so dass die Kooperation unter den Verbänden wieder leichter wird“, sagt die Vorsitzende der bayrischen Genossenschaft.

Manche glauben, dass die politische Bedeutung des Berufsverbands angesichts der aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesen sogar noch wachsen wird, so zum Beispiel Birgit Gregori von der Augenallianz. „Bei einer Schwächung der KVen, wie wir sie gerade erleben, kommt dem BVA vermutlich eine weiter wachsende Bedeutung zu“, sagt Gregori. Sie setzt auf einheitliche politische Meinungsäußerung der Ophthalmologen: „Die politische Vertretung der Augenärzte sollte nicht zerfasern“, sagt sie.